Prof. Dr. Daniela Bohde

Die selbständige Zeichnung

Ein mediales Experiment, Oberdeutschland 1480-1530 (DFG BO 1860/5-1)

Künstler wie Hans Baldung Grien oder Albrecht Altdorfer haben selbständige Zeichnungen hergestellt, die nicht der Vorbereitung eines anderen Werkes dienten. Damit entstand – nach der Ausbreitung der Druckgraphik im 15. Jahrhundert – ein neues Bildmedium. Diese medienhistorische Dimension steht im Zentrum des Projekts steht.

Der heilige Christophorus, 1512, Feder in Schwarz, weiß getönt, auf braun grundiertem Papier, British Museum, London  (c) Trustees of the British Museum
Der heilige Christophorus, 1512, Feder in Schwarz, weiß getönt, auf braun grundiertem Papier, British Museum, London

In diesem Kontext sind vor allem folgende Fragen relevant: 

  • Viele selbständigen Zeichnungen fallen durch ihre experimentelle Formensprache auf: Sie muten den Betrachter*innen nicht selten eine überbordende Kalligraphie, merkwürdige Perspektiven und verrätselte Motive zu. Welche kompositorischen und narrativen Strategien die Künstler hier verfolgten, ist genauer zu eruieren.

  • Das bevorzugte Medium der selbständigen Zeichnungen sind Helldunkelzeichnungen. Was für ein Potential dieser Zeichnungstypus den Künstlern geboten hat und wie sie es einsetzten, untersucht das Forschungsnetzwerk zu Zeichnungen in Hell und Dunkel auf farbig grundierten Papieren im oberdeutschen Raum um 1500 aus Kunsthistoriker*innen und Restaurator*innen.

  • Die selbständigen Zeichnungen bereiteten sich vor allem im oberdeutschen Raum aus. In Italien sind sie weit seltener, obwohl die dortige Aufwertung der Bildkünste und der Künstler sowie vor allem die Ausbildung der Disegno-Theorie die Etablierung der selbständigen Zeichnung begünstigt haben müssten. Zu diesem paradoxen Befund fand im Frühjahr 2016 am Kunsthistorischen Institut in Florenz /Max-Planck-Institut die Tagung " Jenseits des disegno? Die Entstehung selbständiger Zeichnungen in Deutschland und Italien", statt.

  • Die Forschung zu den deutschen Zeichnungen um 1500 ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark vom politischen Kontext sowie von wenig hinterfragten Denkfiguren der Zeichnungsforschung geprägt, so dass sich Fragen stellen wie: Auf welchen impliziten Grundannahmen baut die Zeichnungsforschung auf? Wie, wann und warum entsteht die Vorstellung, dass Zeichnungen Ausdruck des Künstlers sind? Ist das Ausdrucksparadigma ein adäquates Modell für die Kunst um 1500? In welchem wissenschaftsgeschichtlichen Kontext steht es?
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Univ.-Prof. Dr.

Daniela Bohde

Institutsleiterin

[Foto: Institut für Kunstgeschichte | Universität Stuttgart]

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