Nachruf für apl. Prof. Dr. Ulrike Seeger.
Ulrike Seeger ist unerwartet und plötzlich am 25.7.2025 verstorben. Wir trauern um eine leidenschaftliche Kunsthistorikerin, eine kluge und herzliche Kollegin und eine begeisternde Dozentin.
Ulrike Seeger war dem Stuttgarter Institut, an dem sie lehrte und an dem sie auch studiert hatte, sehr verbunden. Sie war eine ungewöhnlich breit aufgestellte Kunst- und Architekturhistorikerin. Verwurzelt in Stuttgart, war sie in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte zu Hause. Ihre Interessen gingen vom Mittelalter bis in die Moderne. Mit der gleichen Begeisterungsfähigkeit widmete sie sich der Architektur wie Ausstattungsprogrammen, Malerei und Stichwerken.
Sie schrieb 1994 bei Wolfgang Schenkluhn ihre Dissertation zur Bautätigkeit von Leopold VI. in Lilienfeld und Klosterneuburg und vertiefte ihre Recherchen in einem DFG-Projekt zur romanischen Klosterneuburger Stiftskirche. Die Habilitation an der Universität Halle widmete sich dagegen einer bedeutenden Barockarchitektur: Stadtpalais und Belvedere des Prinzen Eugen in Wien. Residenzarchitektur und die Repräsentation von Herrschaft ließen sie seitdem nicht mehr los. Diese Interessen mündeten dann in ein Volontariat in den Staatlichen Schlössern und Gärten der Oberfinanzdirektion Stuttgart, in dem sie mit der Neurepräsentation von Schloss Ludwigsburg befasst war. Eine Frucht dieser Zeit ist ihr drittes großes Buch: Schloss Ludwigsburg und die Formierung eines reichsfürstlichen Gestaltungsanspruchs. Vorher führte ihr Weg nach Marburg, wo sie in einem DFG-Projekt von Katharina Krause zu den Augsburger Architektur- und Ornamentstichwerken mitarbeitete. Ein weiteres DFG-Projekt dort zu Rezeptionsvorgängen und ihren Medien in der reichsfürstlichen Residenzkultur um 1700 erlaubte ihr, weiter an Ludwigsburg zu arbeiten.
Von 2008 bis 2010 vertrat sie den Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald. 2010 wurde sie Privatdozentin und zwei Jahre später außerplanmäßige Professorin an der Universität Stuttgart. 2016 stieß sie zum Team des Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, wo sie wissenschaftliche Mitarbeiterin wurde.
Eine gattungsübergreifende Barockforschung war Ulrike Seeger ein großes Anliegen, dabei ging es ihr nicht allein um die Integration von Architektur, Malerei und Skulptur. Sie betonte bei ihrer Analyse der Residenzen die Bedeutung der Raumfolgen und der Innenausstattung. Auf Basis ihrer profunden Quellenkenntnis konnte sie etwa feststellen, dass die zeitgenössischen Betrachter der prächtigen Ausstattung viel mehr Aufmerksamkeit schenkten als den Fassaden, die sie womöglich bei der Anfahrt in der Kutsche gar nicht in Gänze sahen. Solche Entdeckungen von bedeutungsvollen Details waren typisch für sie.
Ulrike Seeger war eine enthusiastische Kunsthistorikerin, deren Interessen weit über ihre Forschungsschwerpunkte hinausgingen. Die expressionistische Architektur war eins ihrer Steckenpferde. Außerdem hat sie ein Buch zum Stuttgarter Bahnhof geschrieben. Regionale Kunstgeschichte war eine ihrer Leidenschaften. Ihre liebsten Lehrveranstaltungen führten sie raus in die Stadt und bei weitem nicht nur zu Residenzarchitektur, sondern genauso zur Stuttgarter Architektur der 1950er Jahre. Generationen von Studierenden hat sie dabei die Augen geöffnet und sie mit ihrer Begeisterung für Kunst- und Architekturgeschichte angesteckt.
Sie wird uns sehr fehlen.
Daniela Bohde
Die Trauerfeier mit Urnenbeisetzung fand am Freitag, den 22. August 2025 in der Michaelskirche in Stuttgart-Wangen statt.
Studentische Stimmen
A. H.
Liebe Frau Seeger,
wer von Ihrem Wissen und Ihrer Leidenschaft profitieren durfte, begegnet Ihnen oft im Stadtbild. Unsere gemeinsame Arbeit, Ihr Interesse, Ihre Unterstützung und Ihre Wegweisungen haben mich jahrelang begleitet und werden mir ebenso fehlen wie Ihre spontanen Mails mit Gedanken oder Empfehlungen.
Sie haben Spuren hinterlassen, die immer dann sichtbar werden, wenn man mit aufmerksamem Blick seine Umgebung betrachtet.
Herzlichst, Ihre
– Antonia Held
A. K.
Für mich war Frau Seeger eine sehr nahbare Person. Es gab immer wieder Gelegenheiten auch außerhalb der Uni mit ihr zu sprechen. Dabei hat sie sich nach meinen eigenen und den Studienfortschritt von Kommiliton*innen erkundigt und gerne auf spannende Themen aufmerksam gemacht, die mich nach wie vor begeistern.
– Aaron Kleineichholzer
H. B.
Ich durfte an Frau Seegers Übung zur Ornamentik im Wintersemester 2023/24 teilnehmen. Ich glaube wir alle haben schon in den ersten Sitzungen gespürt, dass Frau Seeger besonders herzlich, besonders authentisch und besonders aufmerksam mit uns Studierenden umgeht. Ich habe sie immer als total erfrischende Lehrperson empfunden. Sie war geduldig und ruhig, hat uns zugehört und uns alle ernstgenommen. Das schönste für mich waren Frau Seegers Exkursionen mit uns nach Tübingen und Würzburg. Sie war immer darauf bedacht, dass wir uns richtig „einsehen“, dass wir vor Ort üben und alle Erfolgserlebnisse beim Entziffern und Datieren haben. Es war wirklich so, dass wir ihr Glück an den Ornamenten, an der Architektur sahen und auf uns übertragen konnten. Sie hat mir – und ich denke auch dem ganzen Seminar – ein tolles Grundgerüst an Architekturterminologie und Ornament- bzw. Stilkunde mitgegeben, von dem ich seither profitiere. Ich glaube sie hat es geschafft, dass wir alle mit offeneren Augen durch Städte, durch Schlösser, Kirchen und Burgen gehen und wir uns, genauso wie sie es getan hat, daran erfreuen dürfen.
Mit Frau Seeger geht eine Person, die auch nach ihren Übungen Interesse an den Schwerpunkten und zukünftigen, erträumten Laufbahnen der Studierenden gezeigt hat. Sie hat mich maßgeblich bei der Wahl meines Masters beraten und sich meiner Sorgen und Ängste angenommen. Sie hat mir Tipps gegeben, meine Stärken und Schwächen erkannt und mich in ersterem gefördert.
Frau Seeger scheute sich auch nicht davor uns kleine persönliche Städteratgeber per Mail vor anstehenden privaten Kurztrips zukommen zu lassen, wenn sie denn von diesen Wind bekam. Sie legte mir bspw. Kirchen und Orte in Florenz ans Herz, die ich sonst wahrscheinlich nie besucht hätte. Auch da habe ich gemerkt, wie sehr sie für unser Fach brannte und wie gerne sie das an uns alle weitergab.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie unser Institut in Stuttgart so bereichert hat und werde sie als die Dozentin, die sie zu uns war, in Erinnerung behalten. Frau Seeger wird dem Institut spürbar fehlen.
– Hannah Biller
L. R.
Frau Seeger war für mich eine prägende Persönlichkeit! Mit aufrichtiger Herzlichkeit und Zugewandtheit – die über das Fachliche hinausging – hat sie mich auf meinem Weg unterstützt. Dabei hat mich ihre ansteckende Begeisterung nicht nur im Studium, sondern auch darüber hinaus begleitet. Auch nach dem Abschluss des Studiums war es immer eine große Freude, ihr bei Veranstaltungen oder zufällig wieder zu begegnen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Um so schwerer ist es nun zu begreifen, dass solche Begegnungen nicht mehr möglich sind.
– Lisa-Marie Rauscher
B. T.
Zum ersten Mal habe ich Frau Seeger als Dozentin während meines ersten Semesters erlebt. Nicht nur in dieser Veranstaltung, sondern auch in allen folgenden Seminaren, die ich bei ihr besuchte, beeindruckte mich neben ihrer mitreißenden und begeisternden Art auch ihr umfassendes Fachwissen, von dem meine Kommiliton*innen und ich sehr profitierten.
Abseits der Seminare, bei Sommerfesten und Weihnachtsfeiern, war Frau Seeger eine sehr freundliche, humorvolle und liebenswerte Gesprächspartnerin, die sich stets erkundigte, wie es einem geht und bei Fragen immer ein offenes Ohr hatte.
Es ist sehr schade, dass wir ihr nicht mehr selbst sagen können, wie groß ihre Bedeutung für unsere eigene Begeisterung im Studium war und ist und wie sehr sie uns alle geprägt hat.
– Britta Tewald
J. S.
Ich erinnere mich an das tolle Seminar im Ludwigsburger Schloss, bei dem uns Frau Seeger mit all ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem Fachwissen angesteckt hat. Trotz der eisigen Temperaturen in dem Semester habe ich mich jedes Mal auf das Seminar gefreut. Frau Seeger war eine stets verständnisvolle, humorvolle und an ihren Studierenden interessierte Person, die immer auf unsere Fragen und Sorgen eingegangen ist. Wir werden sie sehr vermissen.
– Jennifer Schloske
S. D.
Mein Studium begann mit Frau Seeger während Corona und ich weiß, ohne sie hätte ich nie so viel Begeisterung fürs Studium via online erhalten – ich werde nie die Metamorphosen vergessen und erst recht nicht Amor und den Bienenstock…
Sie gaben mir Mut, waren menschlich und nahbar, unterstützend, immer lustig und von herzen freundlich.
Sie hinterlassen eine Lücke und ich bin dankbar für Ihre Begleitung, Ihr Wissen und die Freude, die Sie in mein Leben gebracht haben.
Von herzen alles Gute
– Stefan Dieterle
A. R.
Ich erinnere mich besonders gerne an die tollen Exkursionen mit ihr. So traurig!
– Anja Riegel
T. S.
Ich mochte Frau Seegers Übungen unglaublich gerne, da sie als Dozentin ein besonders großes Maß an Interesse am Fach und den Inhalten zeigte. Die Ehrlichkeit in ihrem Auftreten verlieh den Sitzungen immer eine Atmosphäre, in der man das Gefühl bekam, dass sie genauso wissensdurstig an die Themen heranging, wie wir Studierende, und sich trotzdem nicht zu schade war, zuzugeben, dass sie manche unserer Fragen nicht beantworten konnte. War dies der Fall, brachte sie in der darauffolgenden Sitzung mit Enthusiasmus die Antworten mit. Dazu kam ein kleiner „Katalog“ an Literatur, falls man sich weiter in das Thema hineinlesen wollte. Solch ein Engagement für Fach und Studierende ist nicht selbstverständlich. Das schätzte ich immer sehr an ihr. Ihre schlagfertige, ehrliche Art brachte Motivation sich aktiv in den Übungen zu engagieren.
War das Wissen noch ausbaufähig, lud sie einen direkt und höflich ein, sich zuhause vielleicht nochmal mit den hemen auseinanderzusetzen. Ihr schien es ein ehrliches Anliegen, dass wir Studierende nicht nur an den Lehrveranstaltungen teilnehmen, sondern nachhaltig daraus etwas mitnehmen und forderte dies auf unterschiedlichste Art bei jedem einzelnen heraus. Selbst Kommiliton*innen, mit denen ich schon viele Seminare besucht hatte, und die eher zurückhaltend waren, trauten sich bei Frau Seeger das Wort zu ergreifen, da ihr nicht nur das Gesagte wichtig erschien, sondern auch die Person dahinter. Meinungen und Diskussionen waren willkommen und man traute sich mit ihr in den Dialog zu gehen. Ich hatte auch nie ein Problem damit, dass sie die Sitzungen überzog, da es so schön war ihr Interesse mitzuerleben und daran teilzuhaben.
Das Kunsthistorische Institut hat mit ihr eine unglaublich wertvolle Dozentin, Kunsthistorikerin und Person verloren und ich werde die lustigen Lehrveranstaltungen, sowie ihr Lachen sehr vermissen.
– Tamara Stalmach