Dass Stundenbücher ein besonderes Verhältnis zur Zeit entwickeln, ist so naheliegend, dass es nie eingehend untersucht wurde. Stundenbücher verzeitlichen die Gebetspraxis, indem sie Gebete für die kanonischen Stunden bereitstellen. Der Kern dieser ursprünglich mönchischen Praxis liegt darin, dem Leben und insbesondere der Passion Christi im eigenen Tages- und Jahresverlauf zu gedenken. Doch die Gebetstexte achten erstaunlich wenig auf Zeitpunkte und -abläufe, dies übernehmen die Illuminationen, in den sich eine ungemein reiche und vielfältige Reflexion über zeitliche Prozesse finden lässt.
Zeitlichkeit wird auf den unterschiedlichsten Ebenen sichtbar gemacht, nicht nur in den bekannten Monatsarbeiten in den Kalendern, genauso in einer Parallelisierung der Monatsstruktur mit der göttlichen Schöpfung. Zudem werden Tages- und Jahreszeiten schon im 14. Jahrhundert in einer in der Tafelmalerei unbekannten Intensität dargestellt. Auffällig ist ein starker Drang zur Erzählung, der im größten Widerspruch zur Zeitlosigkeit der meisten Gebete steht. Essentiell ist hierbei das Weiterblättern von Bild zu Bild, wodurch nicht nur die erzählte Zeit, sondern die Betrachtungszeit zum Thema wird. Für ihre Bewusstmachung dienen nicht selten die Bordüren, die das Umblättern rhythmisieren und markieren.
Die Inventare sprechen häufig von „heures historisées“, in diesen lässt sich ein anderes Verständnis der Historia entdecken als der italienischen Tradition, die stark vom Tafelbild ausgeht.
Das Buch erscheint in der Reihe HYBRIDS, hg. von Ulrich Pfisterer.
Daniela Bohde
Univ.-Prof. Dr.Institutsleiterin / Kunstgeschichte, Professur Kunstgeschichte der Vormoderne (bis 1800), Prodekanin der historisch-philosophischen Fakultät